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  • David Guggenbegrer

Psychosomatische Beschwerden und Erkrankungen


Geh Du vor, sagte die Seele zum Körper, auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf Dich.“

(Ulrich Schaffer)


Das Wort „Psychosomatik“ (psyche = Seele, soma = Körper) bezeichnet das Wechselspiel zwischen körperlichen und seelischen Vorgängen. Mit anderen Worten: jedes Gefühl führt zu einer körperlichen Reaktion und jede körperliche Reaktion löst bestimmte Gefühle aus. Psychosomatische Reaktionen sind durchaus eine völlig gesunde Form des körperlichen Erlebens. (Morschitzky 2004, S.13)



 


Psychosomatik in Zahlen und Fakten


Etwas 20% der Menschen leiden einmal in ihrem Leben an einer psychosomatischen Erkrankung. 20-30% davon besitzen keine Diagnose bzw. wurden ihre Schmerzen nicht als psychosomatisch diagnostiziert. 20-30% der Menschen befinden sich in hausärztlicher Behandlung und nur 8-13% der Menschen finden den Weg in eine psychosomatische Klinik. Eine Diagnose folgt im Schnitt erst nach 5-9 Jahren, was für viele Betroffene einen langen Leidensweg bedeutet. Am ehesten treten diese Beschwerden im jungen Erwachsenenalter auf, aber auch im Kindesalter sind diese zu finden. Mit über 60 Jahren ist eine abfallende Tendenz zu beobachten.



Diagnostische Kriterien und Unterteilung nach ICD-10


Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben“, sagte der Körper zur Seele.

(Ulrich Schaffer)

  • Somatoforme autonome Funktionsstörung: Betroffene Personen hat Symptome, die sich auf einer Überaktivität des vegetativen Nervensystems beziehen und ein oder mehrere Organe betreffen: Herz und kardiovaskuläres System, Gastrointestinaltrakt, respiratorisches System und Urogenitalsystem. Die Symptome bestehen, trotz Nachweis, dass keine körperliche Störung vorliegt. Vorhandensein der Befürchtung, körperlich erkrankt zu sein. Symptome zeigen sich in Form von:

  1. Brustschmerzen, Druckgefühl

  2. Atemnot oder Hyperventilation, Schweißausbruche, Mundtrockenheit, Hitzewallungen

  3. Außergewöhnlich schnelles Ermüden bei leichter Anstrengung

  4. Luftschlucken, Schluckauf oder brennendes Gefühl in der Brust

  5. Häufiger Stuhlgang oder Wasserlassen

  6. Blähungs- oder Völlegefühl

  • Anhaltende somatoforme Schmerzstörung: Wahrnehmung von schweren Schmerzen in einem Körperteil, die über sechs Monate andauern. Als Ursache werden emotionale Konflikte in Verbindung mit dem Schmerz gesehen.

  • Somatisierungsstörung: Betroffene leiden unter verschiedenen multiplen körperlichen Symptomen, die mindestens zwei Jahre andauern. Dabei können aber keine ergründbaren körperlichen Erkrankungen nachgewiesen werden. Die überhöhte Beschäftigung mit den Symptomen für zu einem Dauerstress und Beeinträchtigung familiärer und sozialer Kontakte. Ärztliche Atteste werden vehement in Frage gestellt. Es besteht die feste Überzeugung einer körperlichen Ursache. Dies führt in vielen Fällen zu einer langwierigen ärztlichen Untersuchungskette (Doktorshopping), die im Schnitt sieben Jahre andauert, bis Betroffene an psychosomatische Institutionen treffen. Mindesten sechs der folgende Symptome müssen bestehen:

  1. Bauchschmerzen

  2. Übelkeit

  3. Gefühl der „Überblähung“

  4. Schlechter Geschmack im Mund oder extrem belegte Zunge

  5. Klagen über Erbrechen oder Hochbringen von Nahrung

  6. Häufiger Durchfall oder Flüssigkeitsaustritt aus dem Anus

  7. Atemlosigkeit ohne anstrengende körperliche Tätigkeit

  8. Brustschmerzen

  9. Schmerzen beim Harnlassen oder häufiges Wasserlassen

  10. Ungewöhnlich starker vaginaler Ausfluss

  11. Farbveränderung der Haut

  12. Schmerzen in den Gliedern, Extremitäten und Gelenken

  13. Taubheits- oder Kribbelgefühle

  • Hypochondrische Störung: Betroffene Personen sind anhaltend davon überzeugt, an einer oder mehreren körperlichen Krankheiten zu leiden. Sie verweigern hartnäckig medizinische Ergebnisse zu akzeptieren, da keine ausreichende körperliche Ursache für ihre Symptome gefunden werden kann.

  • Dissoziative Störung: Betroffen erleiden einen teilweise oder völligen Verlust von Erinnerungen an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstsein, unmittelbaren Empfindungen oder der Kontrolle von Körperbewegungen. Es wird ein Zusammenhang zwischen Ereignis und Symptom gezogen. Keine nachweisbaren körperlichen Störungen.


Wie kann Psychotherapie bei psychosomatischen Beschwerden helfen?


Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen stehen unter ständiger Anspannung. Die körperliche Reaktion wird nicht verstanden und ihr innerliches System schein daueraktiv und unter Stress zu stehen. Es kann sich nicht mehr regulieren und erzeugt bei Hilfesuchenden wie auch Ärzten große Hilflosigkeit, da keine rein körperliche Ursache für ihr Leid gefunden werden kann.

In der Personzentrierten Psychotherapie wird bei psychosomatischen Störungen und Beschwerden von einer Sinnhaftigkeit des körperlichen Ausdrucks ausgegangen, der im körperlichen Symptom sichtbar wird. So wird der körperlich wahrgenommen Schmerz als intelligente und kluge Reaktion des Organismus aufgefasst und kann dadurch als „angemessene“ Anpassungsreaktion an die subjektive empfundene Situation des Betroffenen verstanden und im weiteren Sinne auch akzeptiert werden. Die Auffassung zu den Beschwerden werden aber von Betroffenen in vielen Fällen als „Mangel“ interpretiert. Die innere Situation wird oftmals als Kampf ausgetragen, der zwischen bewussten Wahrnehmungen wie z.B. „Bei mir ist alles in Ordnung, ich schaffe alles alleine.“ und der körperlichen Ebene „Ich bin hilflos und brauche Unterstützung von außen“, stattfindet. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese beiden Bereiche auch gleichberechtigt nebeneinander stehen können. Die Beziehung zum eigenen Körper ist häufig von einer gewissen eisernen Disziplin, Härte und hohen Erwartungen geprägt. Der Konflikt zeigt auf der einen Seite ein hohes Streben nach Perfektion, ein hohes Ideal der Selbstkontrolle und Konformitätswünsche. Auf der anderen Seiten stehen die verzerrt bewussten Wünsche nach emotionaler Spontanität und Hingabe, aber auch Enttäuschung und Wut über die scheinbar fordernde und versagende Umwelt. Bei der Aufgabe der Entschlüsselung der Sinnhaftigkeit des Symptoms kann diese als sehr bedrohlich wahrgenommen werden, was zu einer Abwertung der Haltung gegenüber des Symptoms führt. (vgl. Reisch, 1997)


Ausschlaggebend ist die Beziehung zum Symptom und die Beziehung zu unserem Körper, die eine zentrale Rolle spielt. Die Entschlüsselung der Botschaften des Symptoms könnte Aufschluss über dessen Sinnhaftigkeit geben. „Wie gestalte ich die Beziehung zu meinem Körper und dem vorherrschenden Symptom?“, „Was will mir dieses Symptom mitteilen?“ , „Welchen Sinn könnte dieses Symptom haben?“ Diesen Fragen kann in der Psychotherapie nachgegangen werden, um Körper und Seele wieder gleichermaßen Bedeutung zu schenken und in Einklang zu bringen.


Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.“ (Christian Morgenstern)


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